Das Vorbereitungsseminar: Ein Eintopf aus Gedanken

In den weltwärts-Richtlinien ist festgelegt, dass jeder Teilnehmer sich verpflichtet, an insgesamt 25 Seminartagen teilzunehmen. Nimmt man nicht an diesen Seminaren teil, darf man auch nicht ausreisen. 10 dieser Seminartage bilden zusammen das Vorbereitungsseminar und fanden für ijgd letzte Woche in einer abgeschiedenen Herberge irgendwo in der Gegend von Kassel statt.

Demografischer Exkurs

Das weltwärts-Programm richtet sich an junge Erwachsene im Alter von 18 bis 28 Jahren. Explizit wird darauf hingewiesen, dass durch weltwärts keine Eliteförderung betrieben werden, sondern einem Querschnitt der Bevölkerung die Möglichkeit einer Auslandserfahrung gegeben werden soll. Aus Deutschland werden 2017 insgesamt ca. 900 Freiwillige entsandt, deswegen stellt das Seminar, das ich besuchen durfte, natürlich nur eine kleine Stichprobe dar.

Von den 33 ursprünglich für das Seminar vorgesehenen Teilnehmern (von denen mir die Geburtsdaten bekannt sind) war ich mit meinen 24 Jahren 3 Jahre älter als der zweitälteste Freiwillige. Eine Person hatte eine Ausbildung absolviert, der Großteil hatte gerade eben seine Abiturprüfungsergebnisse erhalten, und einige hatten Studentenstatus. Die Altersverteilung habe ich in einem Graphen dargestellt.

ChartGo (1)

Ohne diesen Umstand im Allgemeinen zu bewerten kann nicht abgestritten werden, dass daraus ein großer Einfluss auf den Ablauf des Freiwilligendiensts resultiert. Ich bin sehr dankbar, dass ich eine so lange Zeit mit einer Gruppe solch interessanter, extrem junger und reflektierter Persönlichkeiten verbringen durfte. Dennoch sehe ich diese Altersverteilung durchaus auch kritisch – nicht nur für das Seminar, sondern im besonderen auch für den gesamten Dienst. Weiterhin ist ein/e weltwärts-Freiwillige/r aus Deutschland ohne Abitur eine absolute Seltenheit, wenn sich dieser Schluss aus der Stichprobe von 33 aus 900 Freiwilligen ziehen lässt. Leider wird dieses Bildungsprogramm anscheinend also fast ausschließlich von der Bildungselite unseres Landes wahrgenommen. Der Bevölkerungsgruppe, in der bereits die weitreichendsten Möglichkeiten zur Information über die globalen Probleme der Welt vorhanden sind. Schade.

Das Problem wurde auch von offizieller Seite schon erkannt und wird in der Publikation: „weltwärts für Auszubildende!“ thematisiert. Woher kommt der Trend, gleich nach dem Abitur ins Ausland zu gehen?

Das Seminar

Die behandelten Themen regten viel zum Nachdenken an. Es war deswegen unglaublich, mit welcher Energie auch in den Pausen in allen Ecken der Herberge Diskussionen über die tiefliegensten Fragestellungen unserer Welt geführt wurden. Ohne Zweifel durfte ich mehr Unterhaltungen dieser Art beiwohnen als in 6 Semestern auf dem Campus meiner FH in Mannheim. Die Charakterzüge und Persönlichkeitsmerkmale, die bei uns allen dazu geführt hatten an weltwärts teilzunehmen, schufen bei jeder beliebigen Paarung von Seminarteilnehmern eine Basis, die sofort einen freundschaftlichen Umgang ermöglichte. Leider wirkte es auf mich oft so, als würde diese wirklich schöne Atmosphäre bei vielen Teilnehmern die Fähigkeit ausschalten, einen kritischen Blick zu bewahren.

In meinen Augen geht der Wert eines Lobs aber verloren, wenn eine von PowerPoint abgelesene Präsentation über den Begriff des „Entwicklungslands“ eine ähnlich positive Kritik erhält wie die liebevolle in viele kleine Zimmer und Themen verteile Aufbereitung des Themas Sexismus und Gender. Das nur am Rand und in etwas überspitzter Form erwähnt.

Aufgrund äußerer Umstände liefen wir relativ schnell dem Zeitplan hinterher und es mussten Gewichtungen der einzelnen Einheiten vorgenommen werden, damit alle Themen auch behandelt werden konnten. Das Spektrum der Art der Vermittlung des Wissens habe ich bereits im vorhergehenden Absatz beschrieben. Explizit erwähnen möchte ich eine Einheit zu Beginn, die etwas unter den Tisch fiel: Es ging um Argumentationsfehler – einem Thema, dem ich persönlich einen höheren Stellenwert zugeschrieben hätte, in Anbetracht dessen, dass alle folgenden Einheiten sehr zum Diskutieren einluden. Unabhängig davon wie gern ihr diskutiert möchte ich allen, die diesen Beitrag lesen, warm ans Herz legen, sich auf folgender Website über klassische Argumentationsfehler zu informieren: https://yourlogicalfallacyis.com/de. Diese werden viel zu oft im Alltag, in Talkshows und im Wahlkampf verwendet. Auch auf dem Seminar sind mir einige davon aufgefallen – garantiert längst nicht alle. Bei mir selbst genauso wie bei anderen.

Dieser Blogeintrag kann natürlich nicht den Inhalt des Seminars wiedergeben, aber soviel soll gesagt sein: Die Art und Weise, in der ich meine Rolle während des Freiwilligendienstes wahrnehme hat sich nach dem Seminar genauso geändert wie durchaus auch mein Bild von mir und der globalen Gemeinschaft. So hätte ich das nicht erwartet. Ohne uns genaue Richtlinien für unser Verhalten zu geben wurden wir für viele Themen sensibilisiert. Sensibilisiert für unseren Umgang mit der Sprache und der Umwelt, sensibilisiert für unseren Umgang mit unserer Herkunft, sensibilisiert für unseren Umgang mit unserem Geschlecht. Irgendwann war ich so sensibel, dass ich mir aus Versehen tatsächlich erlaubt habe, etwas emotional zu werden. Aber geweint habe ich natürlich nicht, denn Männer weinen nicht.

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