Die ersten Geschichten

Es ist jetzt 10:15 hier in Chennai, ich habe mittlerweile ganze 5 Stunden in dieser Stadt verbracht und das Auto unseres Vermieters macht beim Rückwärtsfahren „dididelidelididididi“.

Ja, kaum gelandet finde ich mich schon vor der Tastatur wieder. Ist es schlau, schon jetzt meine ersten Eindrücke dieses Landes zu Papier zu bringen? Ich weiß es nicht. Aber ich denke mir ich sollte die Bratkartoffel essen, solange sie noch heiß ist. Und ein bisschen was ist ja auch schon passiert. „dididelidelididididi“.

Erstmal vorne weg: Mit dem Flug hat alles super geklappt. Ich gratuliere allen Beteiligten. Meine Eltern brachten mich mit vollem ein-Stunden-Puffer an den Münchner Flughafen, sodass sogar noch ein kleines Weißwurstfrühstück für die beiden drin war. Im Anschluss konnte ich mit dem Reisepass einchecken. Die folgenden 12 Stunden bestanden aus unterhaltsamem Zeitabsitzen und ungefähr siebenfachen Durchleuchtens von Gepäck und Leib. Dann strandete unsere Reisegruppe aus mittlerweile 8 Freiwilligen aus Deutschland in der lauen Nacht Südindiens.

8 Freiwillige aus Deutschland, die ein Jahr lang alles was sie kennen hinter sich lassen.

Es gab ein bisschen Informationsautausch zwischen ihnen, etwas Smalltalk und ein paar Witzeleien. Als der Flieger zum Landeanflug angesetzt hat meinte schließlich Kati: „Hey Leute, wir sind jetzt in Indien!“, worauf Rieke mit „Stimmt.“ antwortete. Die anderen 6 stimmten schweigend zu. Man hätte Eiszapfen von ihren Wimpern brechen können, so cool war diese Truppe.

Dann stehen sie etwas ratlos, aber immer noch supercool vor dem Flughafenausgang. Eine Hand packt mich bestimmt am Oberarm. Der Chef unseres Arbeitgebers hier in Indien – UDAVI – hat uns als deutsche Freiwillige identifiziert und führt uns zu einem kleinen Bus, in dem alle Freiwilligen mitsamt Gepäck Platz finden.

Alle Fenster des Busses sind weit aufgerissen. Der kühle Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, begleitet vom melodischen „tüüt tüüt“ der übrigen Verkehrsteilnehmer. Ich komme tatsächlich nicht drum herum an dieser Stelle zu erwähnen, dass es sich genau in diesem Moment so anfühlt, als würde gerade das Leben passieren. Vielleicht ja, weil’s so ist.

Naja, jedenfalls werden also Jungen und Mädchen in getrennte Unterkunften gebracht und haben nun zu entscheiden, was sie um 6:00 mit dem angebrochenen Tag anfangen wollen. Wir drei Jungs haben nach kurzem abwägen entschieden, noch Geld abzuheben und Wasser zu kaufen.

Wer mich kennt dürfte nicht überrascht sein, dass ich die anderen beiden nach dem Geldabheben in den nächstgelegenen Gastronomiebetrieb zwang, da ich einen kleinen Hunger verspürte. Die Verständigung mit dem Wirt klappte zunächst mit Händen und Füßen, bis sich Saran zu uns gesellte – ein junger Inder, der gut Englisch sprechen konnte und uns erklärt hat, wie wir unser Reisgebäck essen sollten. Für ihn war es sichtlich genauso spannend wie für uns. Neben einer Mahlzeit bekam ich dann auch seine Handynummer mit der Bitte anzurufen, falls wir irgendwelche Fragen hätten. Für Frühstück für 3 Personen und 3 Flaschen Wasser zahlten wir umgerechnet 3€.

Später gab es für mich noch den Saft einer Kokusnuss, wobei das interessantere dabei eher die Blechschale war, aus der ich ihn getrunken habe. Die wurde nämlich davor nur kurz in einer Wanne mit Wasser ausgeschwenkt und soll beim Trinken nicht berührt werden (so beobachtet). Ich hob also den Becher über den Kopf, kippte mutig, schaffte so ein gutes 50/50 Verhältnis Mund/T-Shirt und gab den Becher mit stolzem Gesichtsausdruck zurück. Ungefähr identisches Verhältnis zum Trinkvorgang mit Mundkontakt.

Reisgebäck und Kokusnusswasser aus ausgeschwenktem Becher befinden sich nun in meinem Magen. Den Ausgang dieser Geschichte lässt aber noch etwas auf sich warten.

Wieder an unserer Wohnung angekommen grüßen wir unsere Nachbarin, die uns sofort überschwänglich auf eine Tasse Tee einlädt. Sie und ihr Mann reden einige Wörter gebrochen Deutsch mit uns und gehen dann in ein gutes Englisch über. Wir dürfen unsere Fingerabdrücke auf einigen Familienfotos hinterlassen, die uns die Dame in die Hand drückt. Das großzügige Wohnzimmer lässt erahnen, dass es sich um eine wohlhabendere Familie handelt. Deshalb ist die Überraschung auch nicht allzu groß, als uns angeboten wird, dass uns der Fahrer der Familie zum nächsten Supermarkt fahren kann. Babu heißt der Fahrer und wenn er rückwärts fährt macht das Auto „dididelidelididididi“, was sich so anhört wie einer der 8 Songs (neben der Titelmelodie), die beim orginal-Tetris nie jemand eingestellt hat.

Ein weiteres Geräusch, welches das Auto macht, ist „Tüüt tüüt!“, was soviel bedeutet wie, „Servus! Ich bin hier!“, oder auch, „Servus! Ich fahr jetzt raus!“ oder natürlich, „Servus! Fahr bitte mal weiter Rechts, damit ich überholen kann!“.

Nach erledigtem Einkauf manövriert uns Babu wieder gekonnt in eine Parklücke vor unserer Wohnung. Zeit ein wenig Siesta zu halten.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. petra dorr sagt:

    Schön von dir zu hören, bzw. zu lesen , Simon !

    Gefällt mir

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