Ich, der Ausländer

Migration ist ein Thema, das Europa tagtäglich bewegt. Und schon lange Zeit bewegt hat.

Vielleicht steht das Thema heute zentraler in der Aufmerksamkeit als noch vor einiger Zeit, weil über die letzten Jahre mehr als eine Million Menschen Asyl in Deutschland beantragt haben.

Menschen kamen und kommen nach Deutschland und machen es bunt. Daran gibt’s nichts zu rütteln. Ich habe 2 Jahre in der Südstadt in Nürnberg gewohnt, mag den türkischen schwarzen Tee, den Tofu aus dem chinesischen Lebensmittelladen und zu einem deutschen Friseur würde ich heute nur noch ungern gehen. Deutschland ist sogar so bunt, dass wir Sonntags fast vor Hunger umkommen, während wir verzweifelt versuchen auszuwählen, aus welcher kulinarischen Region dieser Welt heute unser Essen kommen soll.

Chennai ist auch bunt, aber anders. Die Farbe der Haut der Menschen hier ist braun. Braun in helleren und dunkleren Tönen. Geschichtlich gesehen ist Indien natürlich durchaus von Migration geprägt, aber heute stelle ich als Beobachter fest, das man hier als Europäer anders ist.

Wir Freiwilligen aus Deutschland sind anders. Und das bekommen wir zu spüren.

Gestern im Bus hat mir beispielsweise jemand seinen Sitzplatz überlassen. Ich dachte, dass er an der nächsten Station raus müsste und deshalb aufstehen wollte. Aber nein, er hat mir einfach seinen Sitzplatz überlassen. Ich weiß wirklich nicht, was seine Motivation war. Vielleicht habe ich einfach so unsicher ausgesehen, was ich auch war – was ich in öffentlichen Verkehrsmitteln eigentlich immer bin – und er wollte mir so helfen.

Viele Menschen wollen Bilder mit uns machen. „Selfie?“, lautet ihre Bitte. Ein Bild auf ihrem Handy: Sie und der Weiße. Es ist schon eine bestimmte Gruppe Inder. Jung, gepflegt, westlich gekleidet. Ich daneben: Jung, verschwitzt, in T-Shirt und Hose mit Gummibund. Wir posen beide für das Bild mit dem „Daumen hoch“-Zeichen. Cool.

Wir Freiwilligen werden oft angesprochen und tauschen mit jemandem ein paar Sätze in gebrochenem Englisch aus. Was uns an Indien gefällt ist eine der häufigen Fragen, woher wir kommen, was wir hier machen. Man freut sich mit uns zu reden. Im Restaurant werden wir eher früher bedient als später und mit allem wird uns überschwänglich geholfen.

Wenig Skepsis begegnet uns, viel Offenheit, viel Interesse. Wie oft habe ich Zuhause in Deutschland einen anders Aussehenden nach seinem Herkunftsland gefragt? Wie viele der 55 afrikanischen oder 47 asiatischen Länder kenne ich überhaupt? Naja ist ja auch klar, die liegen auf der Karte ja auch nicht in der Mitte.

Gestern hörten wir einen Vortrag von Pavitra über die Unterschiede im „Lifestyle“ von Indern und Deutschen. Pavitra ist eine ehemalige Süd-Nord Freiwillige – sie hat einen Freiwilligendienst in Berlin absolviert. Sie beschreibt deutschen Lifestyle als modern. Die Geschlechter sind gleichgestellt, wir Leben individuell und lassen uns nicht von Familie oder der Gesellschaft in unseren Entscheidungen beeinflussen. Wie sie das findet hat sie dabei offen gelassen. Inwiefern sie Recht hat mit ihrer Einschätzung kann ich nicht sagen. Vermutlich mehr als man glauben mag.

Nur selten werden wir angebettelt. Vermutlich wissen weder ich, noch die restlichen Einwohner Chennai’s, wie der Reichtum zwischen uns tatsächlich verteilt ist. Um euch eine kleine Basis für eine eigene Einschätzung zu geben: Für ein einfaches Frühstück in einem einfachen Restaurant zahlen wir zu dritt ungefähr 1,50€ und für ein Hauptgericht in einem sehr guten Restaurant vielleicht 3€. Weniger als für die meisten Döner in Nürnberg. Ich weiß nicht ob diese Dimensionen hier bekannt sind. Ehrlich gesagt bin ich aber überrascht, dass unsere Gruppe nicht öfter nach Geld gefragt wird.

Unsere Gruppe. Eine Gruppe aus 10 überdurchschnittlich großen, andersfarbigen Menschen, die durch Chennai wandelt und für die alles neu und seltsam ist. Ausländer. Das ist jetzt unsere Identität in diesem Land. Wir stehen zusammen herum und reden Deutsch, deuten vielleicht mal auf etwas und lachen. Und sind uns unsicher in den Gepflogenheiten. Die Wohnung der Mädchen hat beispielsweise eine Kochstelle, unsere keine. Uns wurde gesagt, dass Jungen und Mädchen nicht zusammen in einem Raum sein dürfen. Wie streng ist diese Regel? Falls wir zu den Mädchen zum Essen gehen, wird dann über uns in der Nachbarschaft gekichert? Oder können die Mädchen unter Umständen sogar ihre Wohnung verlieren, wenn bekannt wird, dass Männer zu Besuch sind? Nach welchen Werten soll ich handeln? Nach meinen oder nach denen der Gesellschaft, in der ich Gast bin? Was ist im Rahmen und wann übertrete ich eine Grenze?

Ich muss zugeben, ich würde mich gerne über die traditionelle indische Kultur hinwegsetzen und die Mädchen besuchen. Ganz frei und „westlich“. Ich halte es für richtig. Andere unserer Gruppe allerdings wollen gerade lieber keine gesellschaftliche Norm übertreten. Das verstehe ich auch vollkommen, es ist eben schwer einzuschätzen in den ersten Tagen, und alles andere als ein simples Thema.

Es ist sehr interessant, durch ein Fenster dieser Seite der Migration zu blicken. Sich diese Fragen zu stellen. An manchen Stellen ist hier ein Wert, der sich für mich ganz natürlich anfühlt, durch einen vollkommen anderen ersetzt. Die Normalität der arrangierten Ehe ist so ein Wert beispielsweise. Der Gehorsam gegenüber den Eltern nach der Volljährigkeit.

Könnte jemand, der sehr erfahren und sehr weise ist, das Prädikat „Gut“ oder „Schlecht“ hinter einen dieser Werte stellen? Ich traue mich das nicht mehr.

Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass wir Jungs die Mädchen besuchen sollten. Weil die können dort Nudeln kochen und das können wir nicht. Und nach 10 Tagen ohne Nudeln hab ich verdammt Bock drauf.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Jan Hi sagt:

    Starker Beitrag! Ich hab auf Sri Lanka ähnliche Erfahrungen gemacht, vor allem, sobald wir mal aus den Touristenregionen raus sind. War schon ein seltsames Gefühl, die einzigen Weißen in einer Stadt zu sein…

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