Mein Einsatzprojekt: Die Hindu Union Committee Middle School

Seit 3 Wochen arbeite ich jetzt als Lehrkraft in einer Schule in Chennai. Bei Weitem habe ich noch nicht alle Zusammenhänge des Schulalltags verstanden. Wer aber meinen Blog verfolgt, der braucht denke ich ein paar Informationen zu meiner Einsatzstelle, um sich besser in mein Leben hineinversetzen zu können. Deshalb gibt es diese Informationen jetzt auf dem Stand, auf dem ich selbst gerade bin.

Das indische Bildungssystem

Um alles Weitere einordnen zu können, muss man zunächst etwas über den Hintergrund der Schule und den des indischen Bildungssystems wissen. Dafür empfehle ich hiermit im Vorfeld diesen sehr gut dafür geeigneten Artikel zu lesen: Wie gut ist das Schulsystem in Indien?. Für diejenigen unter euch, deren Zeit knapp ist, fasse ich den Artikel kurz zusammen: Er behandelt den schwierigen Weg des indischen Bildungssystems seit der Unabhängigkeit. In ihm steht unter anderem, dass staatliche Institutionen als unterfinanziert gelten, weswegen die indische Mittelschicht ihre Kinder falls irgendwie möglich auf Privatschulen schickt. Bei der Hindu Union Committee Middle School handelt sich um eine dieser unterfinanzierten staatlichen Schulen. Wie genau sich das äußert wird man im Verlauf dieses Blogeintrags näher erfahren.

Organisation der Schule

Zunächst soll es aber um die Schüler und die Organisation der Schule gehen. In dem Teil der Schule, dem ich gerade zugeteilt bin, wird die erste bis achte Klasse unterrichtet. Bis zur fünften Klasse gemischt, ab dann nur Mädchen. Die älteren Jungen werden in einem anderen Schulkomplex unterrichtet. Es gibt in jeder Jahrgangsstufe genau eine Klasse, also 8 Klassen an der Schule. Die Klassen eins bis fünf sind dabei wesentlich größere Klassen, da hier ja noch beide Geschlechter gemeinsam unterrichtet werden. Jede der 8 Klassen hat pro Tag 6 Schulstunden von 9:30 bis 15:30. Um besagte Schulstunden auch mit Unterricht zu füllen gibt es 6 Lehrerinnen – darunter eine Studentin, die Halbtags arbeitet und die Schulleiterin, die neben dem Schulalltag auch noch das Organisatorische regelt.

Die Schulleiterin hat mir gegenüber oft betont, dass die Schüler aus sehr schlechten Gegenden kommen, keine richtigen Häuser haben und sich die Eltern oft nur unzureichend kümmern. Mich würde sehr interessieren, wie die Realität wirklich aussieht. Wie viele der Kinder tatsächlich aus einer der Blechhüttensiedlungen kommen. Was sie nach der Schule machen. Wo sie schlafen. Was sie Abends essen. Momentan kann ich das absolut nicht einschätzen.

Was ich selbst beobachten kann ist nur, dass die Kinder jeden Tag schön gepflegt und in sauberer Uniform zur Schule kommen. Das macht mir Hoffnung für ihre Lebensumstände.

Es gibt jeden Tag Frühstück und Mittagessen in der Schule. Zum Frühstück gibt es jeden Tag Reis und Mittags dann meistens Reis. Haha Scherz, Mittags gibt es immer Reis.

Das Schulgelände besteht aus 3 Gebäuden und 2 Ruinen, in der Mitte befindet sich ein großer Schulhof. Auf die 3 nutzbaren Gebäude verteilt gibt es 5 Klassenzimmer. Davon ist eines sehr groß und hat an jedem Ende eine Tafel. Oft wird eine Klasse zusätzlich im Büro der Schulleiterin unterrichtet.

Alltag an der Schule

Wer mitgezählt hat weiß: Die nicht ganz 6 Lehrerinnen können keine 8 Unterrichtsstunden gleichzeitig halten. Deshalb müssen unterschiedliche Klassen oft gemeinsam unterrichtet werden. Darüber hinaus hat auch nicht jede Klasse ein Klassenzimmer, sodass sich auch die geteilt werden müssen.

So ist es mir schon passiert, dass ich die dritte und siebte Klasse unterrichten sollte, während gleichzeitig die zweite Klasse mit einer anderen Lehrerin hinten im Zimmer Old Mc Donald had a farm gesungen hat.

In meinen Augen faktisch unmöglich.

Eine gut funktionierende Tafel gibt es in einem der Klassenzimmer. Die Tafeln der restlichen Zimmer sind an vielen Stellen gebrochen und so verfärbt, dass man die weiße Kreide darauf kaum noch erkennen kann.

In der Schule gibt es außerdem genau einen Wasserhahn. Aus dem werden Eimer und Gefäße mit Wasser befüllt, die dann nach dem Essen zum Abwasch und Waschen der Hände verwendet werden. Der Teller wird durch Abreiben der Essensreste mit der Hand gereinigt.

Abschließende Worte

Ich denke wir können uns einig sein, dass es an dieser Schule fehlt. Es fehlt an vielem, nicht nur an materiellen Dingen. Aber vielleicht tut es gut, sich lieber auf das zu konzentrieren, was nicht fehlt.

Es fehlt nicht an Schülern, es fehlt nicht an Essen für die Schüler und nicht an Klamotten. Die Schüler können hier Tag für Tag während der Schulzeit das Leben eines Kindes führen, was nicht selbstverständlich ist.

Dass natürlich Bildung an einer Schule an vorderster Stelle stehen sollte ist klar, und nichts hat mir den Wert von Bildung so aufgezeigt wie meine bisherige Zeit hier. Aber an dieser Baustelle fehlt es auch an Enden, die nicht materieller Natur sind. Vielleicht kann ich zu diesem Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr schreiben.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Petra Dorr sagt:

    Eines der wichtigsten Dinge im Leben ist: Struktur! Die Schule, gemeinsame Mahlzeiten, Unterricht ( für Jungen und Mädchen gleichermaßen) Auch wenn das alles nicht zu vergleichen ist mit unserem Schulsystem, will ich mir doch nicht vorstellen, wie diese Kinder sonst ihre Tage verbringen würden.

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  2. JD sagt:

    „… das Leben eines Kindes führen“ … – heißt das, ihr habt auch Spaß an der Schule und da gibt es ab und zu auch was zu lachen? Die Fotos machen zumindest schon diesen Eindruck?

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    1. Simon sagt:

      Hi JD,

      ja, die Kinder haben genug Spaß an der Schule und gehen auch gern hin!

      Es werden Klatschspiele oder einfache Spiele mit Steinen gespielt oder gezeichnet.
      Die kleineren Kinder machen oft irgendeinen Blödsinn und haben Spaß dabei.

      Zur Zeit bereiten wir für das „Pongal“-Fest einen Tanz vor. Da lernen die älteren Klassen von
      einem Youtube-Video eine Choreografie ab und freuen sich dabei wie Honigkuchenpferde.

      Aber so schön das ist – ein bisschen weniger Zeit für Spaß und dafür mehr Zeit für Bildung wäre noch schöner 🙂

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