Kritik an Maslow in 4 Punkten

Was du brauchst. – Teil 1.
Was du brauchst. – Teil 2. <- du bist hier.

Was so wenig Besitz ist, dass der Mangel mit Sicherheit einen negativen Einfluss auf das Glück eines Menschen hat, kann zum Gegenstand einer hitzigen Diskussion gemacht werden. Genau zu solchen Diskussionen wird man als Gast in einer Megastadt in Indien angeregt – zumindest in meinem Fall. Heute mache ich es mir einfach und mache keine Aussage zu meiner Meinung zu dem Thema, sondern kritisiere die eines anderen. Abraham Maslow stellte 1943 eine Hierarchie der Bedürfnisse des Menschen auf. Die Maslowsche Bedürfnisspyramide, die es sogar in mein Schulbuch geschafft hat, erfreut sich großer Bekanntheit. Ich will im Folgenden 4 Kritikpunkte anbringen, warum mit eben dieser Pyramide eben nicht die Bedürnisse eines Menschen für alle Zeit geklärt sind.

Der Vollständigkeit halber will ich euch die Abbildung nicht vorenthalten.

Einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow
Einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow

Seht sie euch an, wie sie schön einfach strukturiert auf eurem Display leuchtet. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir vereinfachte Dinge lieben. Dass wir dabei aber auch manchmal vollkommen den Bezug zur eigentlichen Sache verlieren, will ich im Verlauf dieses Beitrags zeigen.

(Während dem Monsun hatte ich die Zeit dazu, eine kleine Internetseite zu dem Thema zu gestalten)

Kritikpunkt #1: Die Pyramide ist nicht von Maslow

Die Darstellung der 5 von Maslow formulierten Bedürfnisse als Pyramide stammt nicht einmal von ihm selbst. Sie ist die Arbeit späterer Interpretation seiner Texte durch andere.

Durch diese sehr klar abgestufte Darstellung wird oft fälschlicherweise angenommen, dass ein Bedürfnis immer erst zu 100% befriedigt sein muss, damit sich dem nächsten gewidmet werden kann. Das ist natürlich nicht so. Es reicht schon ein Befriedigungsgrad von 70 % oder weniger aus, um das nächsthöhere Bedürfnis in den Vordergrund treten zu lassen. Deshalb verwenden manche Lehrbücher die besser passende, dynamische Darstellung:

 

Dynamische Beduerfnishierarchie nach Maslow
Dynamische Beduerfnishierarchie nach Maslow

 

Wer auch immer genau dieses Diagramm gemalt hat, ohne irgendwelche Zahlen zu kennen.

Kritikpunkt #2: Es gibt keine empirischen Untersuchungen zur Bedürfnishierarchie

Es wurde keine einzige wissenschaftliche Studie zu dem Thema durchgeführt. Weder von Maslow selbst, noch später zur Überprüfung seiner Thesen. Er selbst gelagte zu seinen Erkenntnissen durch das Studium von ausgewählten Persönlichkeiten. Die damit verbundene Problematik war Maslow durchaus bekannt.

„Diese Art Forschung ist an sich derart schwierig […], dass wenn wir auf konventionelle, zuverlässige Daten warten müssten, wir für immer warten würden.“Abraham Maslow: Motivation and Personality (3. Auflage: 1987), Seite 150

Er fand seine Ergebnisse selbst aber so toll, dass er sie trotz dieser kleiner methodologischer Schwächen veröffentlichte. Für den öffentlichen Bekanntheitsgrad, den die Bedürfnishierarchie genießt, ist das aber in hohem Maß unzureiched.

Kritikpunkt #3: Maslow schloss Menschen grundsätzlich aus seiner Theorie aus und stellt dennoch einen universellen Anspruch

„the study of crippled, stunted, immature, and unhealthy specimens can yield only a cripple psychology and a cripple philosophy.“ – Maslow, Abraham (1954). Motivation and Personality. New York: Harper. pp. 236

Wer also für Maslow schlich als zu „unreif“ galt, war für ihn für seine Überlegungen nicht relevant.

Des Weiteren ist seine Theorie ausschließlich ausgerichtet auf die individualistische Kultur des globalen Nordens und spiegelt auch genau das wieder.

 

Kritikpunkt #4: Die Existenz einer Hierarchie an sich ist laut einer wissenschaftlichen Studie zweifelhaft

1976 wurde eine Studie durchgeführt, die aber keine Hinweise auf die von Maslow vorgeschlagene Hierarchie gibt. Weniger noch, die Existenz einer Hierarchie von Bedürfnissen überhaupt wird von der Studie nicht unterstützt.

Wahba, M. A.; Bridwell, L. G. (1976). „Maslow reconsidered: A review of research on the need hierarchy theory“. Organizational Behavior and Human Performance.

Geschichten von Menschen, die nach großer Selbstverwirklichung strebten, ohne an ihre Sicherheit zu denken gibt es genug. Einem hungernden Menschen einzig das Bedürfnis nach Nahrung zuzusprechen ist zu eindimensional.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Roberto Roboto sagt:

    Toller Artikel!
    Interessant, war mir nicht bewusst, dass die Maslowsche Theorie nicht ausreichend empirisch belegt ist.
    Sehr erschreckend finde ich, dass sie bei einem BWL Studium im Bereich Personalführung und im Bereich Managementprozesse einen doch sehr zentralen Aspekt einnimmt!

    Die philosophischen Aspekte der Texte finde ich klasse! Weiter so! 😉

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  2. Ludwig Ipach sagt:

    Schöner Artikel, danke dafür!
    Ich stimme dir in vielem zu und einige Denkanstöße konnte ich auch noch mitnehmen.
    Zur maslowschen Pyramide hätte ich auch ein paar Gedanken:

    1. Die pyramidale Form verleitet zu dem Fehlschuss, dass psychologische, Sicherheits- und soziale Bedürfnisse in ihrer Anzahl Individualbedürfnsse übersteigen, wobei man erstere doch fast an einer Hand abzählen kann, während zweiter allein durch Konsumbedürfnisse schier endlos erscheinen können.
    Die Pyramide würde sich vielleicht zur Veranschaulichung der gegewärtigen gesellschaftlichen Verteilung von Bedürfnisbefriedigung eigenen; für das Individuum wäre als simple, zweidimensionale Abbildung aber wohl eine auf dem Kopf stehende Pyramide oder eine Säule geeigneter.

    2. Mir erschließt sich die scharfe Abgrenzung zwischen Individualbedürfnissen und Selbstverwirklichung nicht. Klar, die einen variieren ja nach Individuum, während Selbstverwirklichung eine Gemeinsamkeit sein kann. Allerdings widerspricht es meiner Intuition, dass Selbstverwirklichung nur das i-Tüpfelchen der Bedürfnisbefriedigung sein soll. Vielmehr erscheint mir Selbstverwirklichung als das ultimative Individualbedürfnis, für das es sich durchaus lohnt einige andere Bedürfnisse hinten anzustellen.
    Ich würde sogar die These aufstellen, dass Menschen, die die Selbstverwirklichung hinter alle ihre Individualbedürfnisse anstellen, dazu neigen weniger glücklich zu sein.

    3. Dieses, wie du schon sagtest, sehr individualistische Modell erinnert mich sehr an die Theorie der Präferenzordnung aus der Mikroökonomie. Hierbei wird stehts von reflektierten Marktakteuren ausgegangen, die ausschließlich rational handeln. Abgesehen von diesen ohnehin problematischen Annahmen, wird der Markt damit in gewisser weiße für die Verteilung der Bedürfnisbefriedigung zuständig. Nun ist der Markt zwar bestens geeignet, um Effizienz zu schaffen, jedoch weniger für die Schaffung bzw. Erhaltung von Gerechtigkeit. So wie wir sehen, dass so gut wie jeder globale Markt von einigen wenigen großen Unternehmen dominiert wird, sehen wir auch das einige wenige Gesellschaften Bedürfnisbefriedigung auf einem ganz anderen Level als der globale Durchschnitt betreiben.

    4. Du hast auch bereits den Mangel an empirischen Belegen für das Maslows Modell erwähnt. Ich habe mich bisher noch kaum mit Glücksforschung beschäftigt, aber finde den empirischen Ansatz doch sehr interessant. Meiner Meinung nach zeigt uns die Empirie, dass Glück nicht nur von der persönlichen Bedürfnisbefriedigung abhängt, sondern etwas sehr gesellschaftliches ist. Maslow könnte sagen „Gesellschaft wirkt sich auf die Erfüllbarkeit aller Bedürfnisse aus“, aber ich würde entgegnen, dass vor allem die Individualbedürfnisse stark von der Gesellschaft und ihren Strukturen als Bezugsgröße geprägt werden. Beispiel: Ich bin nicht traurig, dass ich mir kein Auto leisten kann, wenn der öffentliche Nah- und Fernverkehr mich trotzdem preisgünstig, schnell und komfortabel überall hinbringt. Etwas abstrakter: Ich fühle mich besser, wenn mein Arbeitgeber in wirtschaftlich schlechten Zeiten nicht nur meine Arbeitszeit verkürz (sprich meinen Lohn senkt), sondern auch sein Gehalt absenkt.
    Individualbedürfnisse sind also relativ, obwohl in unserer globalisierten Welt eine absolute Bezugsgröße für das Individuum vorhanden wäre. Dieser Widerspruch liese sich mit einem zugrundeliegendem individuellen Bedürfnis nach gesellschaftlicher Fairness – die je nach politischer Gesinnung sehr unterschiedlich sein kann – erklären. Beispiel: Als Liberaler fände ich es sehr unfair nicht unendlich viel Vermögen akkumulieren zu können, als Linker hingegen nicht. Als Linker fände ich es schrecklich, dass im Mittelmeer tausende Menschen ertrinken, als Rechter fände ich es tragbar bis gut. Die individuell Einschätzung der gesellschaftlichen Fairness prägt so die Individualbedürfnisse und die persönliche Zufriedenheit.
    Du bist gegenwärtig in Indien: Ich bin mir sicher, dass von den Menschen, deren Grundbedürfnisse gedeckt sind (so dass sie den „Luxus“ haben weiterzudenken), die konservativen zufriedener sind als die progressiven. Oder irre ich mich?
    Alles in allem zeigt meine Argumentation zumindest, dass die Glücklichkeit nicht etwas rein indivuduelles ist sondern auch eine gesellschaftliche Komponente beinhaltet und damit das persönliche Glück auch abseits der Grundbedürfnisse nicht allein in die Verantwortung des Individuums übertragen werden kann.

    Gut, der empirische Teil ist etwas politischer geworden, als ich es geplant hatte. Ich bin mir sicher man kann auch noch über die Wirkung der gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen auf das jeweilige individuelle Fairnessverständnis nachdenken, aber dafür muss ich mich vielleicht doch noch soziologisch weiterbilden. Ich hab ja nicht mal deine Leseempfehlungen zur Glücksfindung gelesen… 😀
    Aber deine Meinung dazu würde mich interessieren!

    Anyway, dir noch eine gute Zeit und ich hoffe auf weitere so interessante Blogartikel.
    Wenn man einen Reiseblog o.ä. erwartet, ist das hier wirklich eine schöne Überraschung!

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    1. Simon sagt:

      Hey Ludwig,

      vielen vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Ich antworte jetzt mal vor allem auf 4tens. Bei den Punkten 1 bis 3 kann ich dir folgen und finde so eine Diskussion auch wichtig, aber bin der Meinung, dass hier nur über Tendenzen und Durchschnitte diskutiert werden kann. An Rändern und in Extremen wird man Beispiele für jedes Bedürfnismodell finden, denke ich!

      Ich habe auch nur eins der Bücher gelesen, das war: Glück!: Was im Leben wirklich zählt. War schon ganz gut, würde aber nicht sagen Pflichtlektüre.

      Je mehr ich aber gelesen habe, umso mehr habe ich an der empirischen Methode gezweifelt. Das einfachste ist, sich einfach mal selbst öfter zu fragen, wie glücklich man gerade ist. Dann merkt man schon, dass das nicht leicht ist. Ich habe jetzt tatsächlich eine App, in der ich versuche das jeden Tag festzuhalten: http://daylio.webflow.io/. Ist ne nette Spielerei und bringt einen selbst zum Nachdenken, wenn man Muster feststellt.

      Dann ist für mich der Begriff einfach ein riesen Problem. Aristoteles hatte ja auch zwei Glücksbegriffe: Eudaimonie, was wir oft mit Glückseligkeit übersetzen und das hedonistische, kurzweilige Glück.

      Und jetzt mit praktischem Bezug 😀

      Total interessant finde ich es, dass wir manchmal sogar gezwungen sind, einen Glücksvergleich anzustellen. Beispielsweise im Recht beim Schadensersatz.
      Wie viel Geld soll jemand erhalten, dem die Nase gebrochen wurde, um ihn wieder auf das selbe Glücksniveau zu bringen wie vor dem Unrecht? Wenn ich Bill Gates die Nase breche könnte das kein Geldbetrag der Welt, einem Sozialhilfeempfänger, der damit seine Kreditkartenschulden tilgen kann, würden 1000€ vielleicht die Welt bedeuten.

      Bei Geldstrafen könnte man fordern: Keine gleichen Geldbeträge, gleiche Glücksbeträge! (Orientierung am Einkommen)

      Und da kommen wir zur Gesellschaft, die du auch ansprichst. Klar ist, dass der Staat gegenüber dem Glück seiner Bürger verpflichtet ist.
      Und momentan auch dem Glück aller Menschen, da es zwar komplexe globale Zusammenhänge gibt, aber keine global verantwortliche Regulierung (Das ist der Punkt, der die AfD unwählbar und so schädlich macht, da die diese Verantwortung abstreitet). Es ist auch tatsächlich so, dass Menschen, die ihr Glück bei ihrem Staat in guten Händen sehen, tendenziell auch glücklicher sind.

      Aber wie schafft man es, Menschen glücklich zu machen, wenn man gar nicht weiß, was sie glücklich macht?
      Je weniger sicher man sich ist, umso liberaler sollte die Politik sein: Dem Menschen ermöglichen, seines Glücks Schmied zu sein.
      Wenn man aber denkt, besser zu wissen, was einen Menschen glücklich macht als er selbst, kann man eingreifen.
      Das finde ich sehr legitim, zum Beispiel beim Verbot von bestimmten Drogen.

      Wenn man alle empirische Forschung, die in dem Buch zitiert wird auf eine faustformel bringen will, könnte man den Satz formulieren:
      „Glücklicher sind Menschen mit hoher Tendenz, wenn sie gesund sind, gute Freunde und einen kurzen Weg zur Arbeit haben.“
      Davon könnte man jetzt politisch eher weniger liberale Forderungen ableiten 😉

      Mein Fazit ist, dass die empirische Methode zwar unzureichend ist, aber das einzige was wir haben. Und, dass wir sie als Fixpunkt für weitere Überlegungen brauchen!

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