Wo komm‘ wir her? Wo gehn‘ wir hin?

Dieser Blogeintrag soll beleuchten, wie es um Chancengleichheit und soziale Mobilität in Deutschland steht. Dann versuche ich eine andere Perspektive zu geben.

Ist Chancengleichheit ein Thema?

Die SPD ging in den Bundestagswahlkampf 2017 mit dem Slogan „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit!“. Auch wenn Bildung in der öffentlichen Debatte leider keine große Rolle spielte, wurde die Chancengleichheit im Wahlprogramm nicht vergessen (Auszug) :

In gerechteren Gesellschaften sind die Menschen zufriedener und das gegenseitige Vertrauen ist stärker. Gerechtigkeit macht unser Land in vielerlei Hinsicht reicher. Gerechtigkeit bedeutet auch soziale Sicherheit. Sichere und gute Arbeitsplätze, die Zuversicht, dass es gute und gleiche Bildungschancen für alle Kinder gibt.

Wenn man weiter im Wahlprogramm stöbert, findet man dazu folgende konkrete Pläne:

  • Mehr Chancengleichheit durch besseres BAföG
  • Modernisierung der beruflichen Ausbildung
  • Weiterbildung fördern

 

Kurz anschneiden möchte ich außerdem das Wahlprogramm der AfD, deren Pläne für die Bildung den Titel tragen: „Mut zur Differenzierung“. Der Leitsatz aus ihrem Programm lautet (Auszug) :

Wir fordern die Abkehr von geschwätziger Kompetenzorientierung und die Rückkehr zur Vermittlung des Fachwissens als zentrales Anliegen der Schule.

Ich lade jeden Leser dazu ein, den Unterschied von Kompetenz und Fachwissen nachzuschlagen und sich selbst ein Bild von dieser Aussage zu machen. Weiterhin beginnen 5 von 10 Punkten im Wahlprogramm der AfD mit „Kein“ oder „Keine“, einer davon mit „Nicht“ und enthalten ansonsten die Verben „erhalten“, „bewahren“ und „wieder einführen“. Alle Wahlprogramme finden sie übrigens hier.

Der Status quo

In welchem Maß bestimmt denn nun unsere Herkunft unsere Zukunft? Der aktuellste Bildungsbericht (2014) der OECD liefert die Antwort: 58 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben den gleichen Bildungsstand wie ihre Eltern. Im Vergleich dazu liegt der Durchschnittswert der an der Studie teilnehmenden Länder bei 49 Prozent.

Noch deutlicher wird der Einfluss unserer Herkunft auf unsere Bildung, wenn wir den höchsten Bildungsweg betrachten. Die Wahrscheinlichkeit, die gymnasiale Oberstufe zu besuchen, war 2009 für Kinder von Akademiker/innen 1,8 Mal so hoch wie für Kinder von Nicht-Akademiker/innen (79% vs. 43%, vgl. Abbildung). Von Kindern aus einer nicht-akademischen Herkunftsfamilie beginnen 23% ein Studium. Dieser Anteil ist bei den Kindern von Akademiker(innen) 3,3 mal so hoch.

ChancengleichheitAkademikerkinder.PNG

 

Wo liegen die Gründe dafür?

Wie es zu diesen Zahlen kommt, da kann man leider keine übersichtliche Grafik mit glatten Prozentzahlen finden. Werden Kinder aus Akademikerfamilien besser gefördert? Haben manche Familien nicht das Wissen oder die Zeit, um ihre Kinder bei den Hausaufgaben und beim Lernen zu unterstützen? Fehlt das Geld, wenn Nachhilfe notwendig wäre? Hat Bildung in bildungsreichen Familien einfach einen höheren Stellenwert?

Alles sind mögliche Gründe. Vermutlich treffen sie alle zu einem gewissen Teil zu.

Jetzt ein bisschen Perspektive

Als ich vom Schulsystem in Deutschland erzähle, hören mir die Chefs der sozialen Organisation, für die ich arbeite – Kennedy und Sheila – aufmerksam zu. Ich bin eigentlich fertig und es entsteht eine Stille und ich merke, dass die beiden noch mehr hören wollen. Also erzähle ich davon, dass Kinder in Deutschland nur sehr selten auf private Schulen geschickt werden und dass diese eher ein anderes Konzept haben als ein besseres. Wie beispielsweise keine Noten und freiere Unterrichtsgestaltung. Ich meine, dass ich nicht das Gefühl hätte, dass Kinder auf Privatschulen schlauer sind oder eine bessere Bildung erhalten. Da lehnen sich Kennedy und Shiela weit nach vorne, um mir besser zuhören zu können. Ich bin verwundert. Ihre Augen leuchten förmlich. Ich erkläre, dass man durch den Erwerb einer „Hochschulreife“ von egal welcher Schule an allen deutschen Universitäten zugelassen ist. Dann erläutere ich das Konzept von BAföG, mit dem jeder, der es sich anders nicht leisten könnte, ein Studium finanzieren kann. Mittlerweile fühlt es sich auch für mich an wie eine Märchengeschichte, so fern ist meine Schilderung von der Realität, hier in Chennai.

Die Realität sieht hier nämlich so aus: Wer kann, der bezahlt für die Bildung seiner Kinder. Je mehr, umso besser. Chancengleichheit bedeutet also in diesem Fall, dass das Einkommen der Eltern deiner Chance gleicht.

Wie es dann aussieht, wenn du zum Zeitpunkt deiner Einschulung deine Chance schon verpasst hast – du also auf eine staatliche Schule gehst – dazu kann ich einiges berichten. Wenn du jetzt abgehängt wirst, wird es doppelt schwer. Viele der Schülerinnen und Schüler nehmen nur sehr unregelmäßig am Unterricht teil und können die Lernziele der Jahrgangsstufe nicht erreichen. Weil die Möglichkeit, eine Jahrgangsstufe zu wiederholen aber nicht vorgesehen ist, wird der Bildungsabstand innerhalb der Klasse immer größer, bis die Leistungsschwächeren dem Unterricht überhaupt nicht mehr folgen können. So kommt es zustande, dass es noch in der 8ten Klasse Schüler/innen gibt, die nicht richtig Lesen und Schreiben können, obwohl sie zur Schule gehen.

Am deutlichsten wird mir die Unfairness bewusst, wenn ich merke, wie schlau viele der Kinder sind. Einmal zeige ich am Anfang des Tages einer Schülerin der 6ten Klasse, wie sie 7 + 8 addieren kann, indem ich 15 Punkte an die Tafel male. Nach einer Stunde war das schriftliche Addieren von 2396932 + 3846586 kein Problem mehr für sie.

Schade, dass die 6te Klasse keine feste Lehrerin hat, die hätte das schon früher erklären können.

Wo kommen wir also her?

Bei all den Defiziten, die bei der Chancengleichheit in Deutschland vorliegen, muss eines ganz klar festgehalten werden. Jeder, der begabt und ehrgeizig ist, kann hier ohne eigenes Kapital den höchstmöglichen Abschluss erlangen. Ich finde das ist umwerfend.

Wo gehen wir also hin?

Oder noch deutlicher: Wo gehst du hin? Und was hast du im Gepäck? Was ich dir jedenfalls mit diesem Artikel mitgeben will ist vielleicht, wenn sie angemessen ist, Dankbarkeit. Wenn du willst, kannst du die mitnehmen. Sie macht deinen Rucksack leichter und nicht schwerer, ich verspreche es. Und wohin du dann gehst, das ist deine Sache.

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ein richtig guter Artikel! In Indien müsste das System aus dem britischen Hervorgegangen sein oder?

    Zum Thema Chancengleichheit in Deutschland habe ich letztens auch einen tollen Artikel gelesen:

    https://perspective-daily.de/article/450/AWQyRN6k

    Im Umkehrschluss bedeutet dein Artikel doch auch, dass es zu wenig qualifizierte Lehrkräfte in Indien gibt oder?

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    1. Simon sagt:

      Ich weiß es nicht sicher, aber ich glaube nicht. Seit der Unabhängigkeit hat man sich eher dazu entschieden eigene Wege zu finden.

      Es ist immer schwer, allgemeine Aussagen über dieses riesige Land zu machen. Besonders schlimm finde ich an meiner Schule, dass die Kluft zwischen Soll und Ist so riesig ist. Zwei der Lehrerinnen wissen nicht, wie man auf Englisch eine einfache Vergangenheitsform bildet, in der Klausur sollen Schüler dann transitive von intransitiven Verben unterscheiden. Das klingt hart, ist aber die Realität.

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